Das wahre Wesen von Shiva und Shakti

Dieser Blogbeitrag ist eine Zusammenfassung. Wenn du den vollständigen Inhalt möchtest, hör dir meine Podcast-Folge an. Entdecke eine ganz neue Perspektive auf das universelle Thema „Shiva und Shakti“.


Als ich vor zehn Jahren meine ersten Schritte im Tantra machte, kaufte ich mir eine Shiva-Nataraja-Statue – Shiva als kosmischer Tänzer. Ich suchte damals auch eine Figur der Göttin Shakti. Ich habe keine gefunden. Erst später verstand ich, warum.

In vielen Tantra-Gruppen begegnet uns die Vorstellung sehr früh: Die Shivas sind die Männer, die Shaktis die Frauen. Dieses Bild ist im westlichen Tantra weit verbreitet. Es macht etwas so Abstraktes wie das Männliche und das Weibliche unmittelbar erfahrbar.

Im non-dualen kaschmirischen Śaivismus, der Tradition, aus der das Kama-Tantra schöpft, bedeuten Shiva und Shakti etwas anderes: zwei Aspekte ein und desselben Bewusstseins, die in jedem Menschen gegenwärtig sind – unabhängig von Geschlecht, Körper oder der Form deiner Beziehungen.


Diese Nataraja-Statue begleitet mich seit zehn Jahren. Shiva als Nataraja, der kosmische Tänzer: In seinem Tanz, Tandava, erschafft, erhält und löst er die Welt.


Diese Zuordnung geht meist wie selbstverständlich von einem Mann und einer Frau aus, die zueinander finden. Das ist eine heteronormative Annahme, und sie ist ein westlicher Zusatz: Die Tradition selbst stellt diese Bedingung nirgendwo. Wer daran festhält, schließt damit etwa jeden Zehnten aus, denn so ungefähr 10 % der Menschen identifizieren sich nicht als heterosexuell. Ich freue mich, dass immer mehr von ihnen ihren Weg zu unseren Workshops finden.

Stell dir einen Spiegel vor. In ihm können die unterschiedlichsten Dinge erscheinen, ohne dass der Spiegel selbst zu einem von ihnen wird. Das ist prakāśa: das Leuchten des Bewusstseins, durch das Erfahrung überhaupt möglich wird. Das ist Shiva.

Und nun stell dir vor, der Spiegel wäre sich seiner eigenen Spiegelung bewusst. Du kennst das aus deinem eigenen Leben: Du siehst etwas und weißt gleichzeitig, dass du siehst. Dieses Sich-selbst-Erkennen heißt vimarśa. Das ist Shakti.

Die Tradition nennt das Wiedererkennen dessen, was wir bereits sind, pratyabhijñā. Du musst dafür keinen besonderen Zustand herstellen. Es reicht, für einen Moment präsent zu sein und zu bemerken: Da ist Bewusstsein, da ist dieses einfache „Ich bin“.

Shakti zeigt sich auch als drei Kräfte: icchā, jñāna und kriyā. Wollen, Erkennen, Handeln. Du kochst Tee: Zuerst ist da der Wunsch, etwas Warmes zu trinken (icchā). Dann weißt du, was zu tun ist (jñāna). Und dann stehst du auf und machst deinen Tee (kriyā). In diesen drei Bewegungen offenbart sich Shakti. Und Shiva ist das Göttliche daran, dass du bist, dass es dich gibt, und dass du hier und jetzt gegenwärtig bist.

Du brauchst dafür keinen bestimmten Körper und keine bestimmte Rolle. Shiva und Shakti sind bereits in dir – beim Wahrnehmen, beim Erkennen, beim Wollen, beim Handeln. Schau hin, spüre, und erkenne, wie sie in dir lebendig sind.


Wenn du tiefer in dieses Thema eintauchen möchtest – in die Tradition selbst, in weitere Beispiele aus dem Alltag und in eine kurze Übung, um es direkt zu erfahren – findest du all das in der Podcast-Episode „Das wahre Wesen von Shiva und Shakti“.

Maithuna, was das tantrische Ritual der Vereinigung wirklich ist

Blogartikel zu der Podcastfolge „Maithuna, die sakrale Vereinigung

Nur wenige Worte im Tantra tragen so viele Zerrbilder wie Maithuna. Die einen denken an ausgelassene Sexualität mit Räucherstäbchen, die anderen an eine diffuse Energie zwischen zwei Menschen. Beide Bilder gehen am Kern vorbei.

Falls dir das Wort neu ist: Maithuna bezeichnet ein Ritual, in dem ein Paar sich sexuell vereint, als Meditation, als spirituelle Praxis. Es ist die Vereinigung von Shiva und Shakti, im eigenen Leib gelebt. Ich schreibe darüber aus den alten Quellen und aus eigener Erfahrung, als jemand, der vier solcher Rituale mitgegangen ist. Und ich räume dabei mit drei Missverständnissen auf.



Missverständnis eins: Tantra dreht sich immer um Sex

Das klassische Tantra ist eine weite Welt aus Ritual, Philosophie und Meditation. Die sexuelle Vereinigung war darin ein kleiner, eingeweihter Teil. Dass der Westen daraus vor allem den Sex herausgriff, war eine Wahl von uns, keine Vorgabe der Tradition. Maithuna ist genau dieses eine Fragment, herausgelöst und aufgeblasen, während der weite Rest im Dunkeln blieb.

Ein Wort, das alles sagt

Maithuna kommt von mithuna, dem Paar. In seiner Wurzel klingt zweierlei zugleich: sich vereinen und einander gegenüberstehen. Das Wort selbst hält also die Spannung und die Auflösung in einem Klang, ganz wie Shiva und Shakti, Bewusstsein und Energie. Und es macht keinen Unterschied zwischen dem Körper und dem Kosmos. Die Berührung zweier Menschen und die Vereinigung der göttlichen Pole sind darin dasselbe.

Woher es kommt

Vor über tausend Jahren, in der Welt der Kaula-Tradition, stand eine Praxis im Zentrum, die man die fünf M nannte: Wein, Fleisch, Fisch, geröstetes Getreide und die Vereinigung. Gemeinsam waren sie ein rituelles Mahl mit seiner Krönung. Vieles daran galt als unrein, und darin lag der Sinn: Wer die Grenze zwischen rein und unrein überschreitet, löst genau die Trennung auf, die uns gefangen hält. Ein eingeweihter, disziplinierter Weg für Menschen von innerer Reife. Abhinavagupta, der große Denker jener Zeit, nannte diese Vereinigung das höchste aller Opfer.


Chakras bei Kama Tantra

Das Chakra-System, wie wir es allgemein kennen, wirkt uralt und scheint direkt aus dem Herzen des klassischen Tantra zu stammen. In Wirklichkeit ist das Schema mit den 7 Chakren nur eines von vielen – und das einzige, das es in einer englischen Übersetzung nach Europa geschafft hat. Die Regenbogenfarben und die emotionalen sowie mentalen Verbindungen sind eine westliche Ergänzung aus dem frühen 20. Jahrhundert.


Eine Praxis, die sich wandelt

Ein tausend Jahre altes Ritual bleibt nie tausend Jahre lang gleich. Abhinavagupta gab der wilden Praxis eine Seele und machte aus dem Streben nach Macht ein Erkennen. Später kehrten die Yogis die Richtung um und suchten das Bewahren der Energie statt ihres Ausströmens. Und in jüngster Zeit legten sich westliche Schichten darüber: das vertraute Chakrasystem, das erst 1919 in den Westen kam, und die Farben und Deutungen, die kaum hundert Jahre alt sind.

Wer heute von aufsteigender Energie und leuchtenden Zentren hört, steht auf den obersten Steinen eines langen Turms. Nichts davon ist falsch. Es ist nur jung, und es ruht auf viel älterem Grund. Das heutige Neotantra ist die vorläufig letzte dieser Wandlungen.

Was es heute bedeutet

Unter allen Wandlungen blieb ein Kern. Die Wirklichkeit ist ein Bewusstsein mit zwei Polen, die niemals getrennt sind. Im Maithuna werden zwei Menschen für einen Augenblick zu diesen Polen, und das Bewusstsein erkennt sich selbst wieder. Genuss und Befreiung fließen hier aus derselben Quelle. Die Lust wird zum Weg.

Damit fällt das dritte Missverständnis: dass der andere Mensch austauschbar sei, ein bloßes Mittel zum Göttlichen. Das Gegenteil ist wahr. Das Göttliche, das du verehrst, ist die eigenste Essenz dieses einen Menschen, mit diesem Gesicht und dieser Geschichte. Je persönlicher dein Blick, desto göttlicher.

Ich sage offen, was dieses Ritual fordert: Präsenz über Stunden, eine Verehrung, die nicht ermüdet, und den Mut, den anderen zu sehen, statt ihn mit deinen Wünschen zu überziehen. Beim ersten Mal trug ich die Angst in mir, nicht zu genügen. Nach vier Ritualen durfte sie gehen. In voller Gegenwart und Hingabe verschwindet das Ich für einen Moment, und die Vereinigung bleibt.

Frei in der Form

Die volle, überlieferte Gestalt ist die körperliche Vereinigung mit Penetration, und wir bewahren sie in ihrer ganzen Wahrheit. Sie ruht auf einer tieferen Schicht: der inneren Vereinigung von Bewusstsein und Energie. Weil diese das Ritual trägt, bist du frei in der äußeren Form. Für wen der volle körperliche Weg nicht offensteht, für gleichgeschlechtliche oder nicht-binäre Paare, gibt es eine ebenso vollwertige Gestalt, getragen vom energetischen Kreislauf zwischen den Körpern. Was zählt, ist die Absicht der Opfergabe und die Erfahrung der Ekstase als Weite.

Missverständnis zwei: keine Grenzen

Manche halten Tantra für grenzenlos, als wäre am Ende jeder für jeden offen. Auch hier gilt das Gegenteil. Das Maithuna war stets gebunden, an die Einweihung, an einen bestimmten Ritualpartner, an klare Voraussetzungen. Dass jeder Mensch göttlich ist, führt zur Verehrung, und Verehrung ist etwas anderes als Verfügbarkeit.

Und es verlangt Vorbereitung. Innerlich, um in der Tiefe zu bleiben. Körperlich, denn stundenlanges Sitzen im Schneidersitz, für den Mann mit der Partnerin auf dem Schoß, will trainiert sein. Und im Atem, der so natürlich fließen soll wie das Atmen selbst.

Einladung

Maithuna ist keine wilde Sexparty und keine vage Energiearbeit, sondern eine sakrale Vereinigung mit einer langen, lebendigen Geschichte. Bei Kama Tantra begehen wir dieses Ritual im Oktober in Wuppertal, als bewusste Verbindung all dieser Schichten in einer Form für unsere Zeit. Wenn dich berührt, was du hier gelesen hast, gehe diesen Weg mit uns. Du gehst ihn, um wiederzuerkennen, was du im Grunde längst bist.

Tiefer hören

In diesem Text konnte ich vieles nur andeuten. In meinem Podcast gehe ich den ganzen Weg: die tausend Jahre alte Geschichte des Rituals, seine Verwandlungen durch Abhinavagupta, die Yogis und den Westen, und die Frage, was diese Praxis heute für dich bedeuten kann. Wer die historischen Schichten und die feineren Zusammenhänge kennenlernen möchte, findet dort die ausführliche Reise.


© Kama Tantra