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Eine Frage für den Winter: „Wer bist du? Wer bist du wirklich?“

Der Winter hat seine eigene Art zu reden. Du merkst es daran, dass das Licht früher verschwindet, dass die Luft kälter wird und dass der Rhythmus der Tage irgendwie langsamer wird. Auch wenn dein Terminkalender normal weiterläuft, hast du oft mehr Zeit für dich. Du bleibst lieber zu Hause, suchst Wärme und dein Körper braucht weniger Reize. Und irgendwo in dieser Stille taucht eine Frage auf, die einfach erscheint, aber etwas Großes eröffnen kann: Wer bist du? Das ist eine ganz alltägliche Frage, die in jedem Gespräch ihren Platz finden kann. In diesem Blogbeitrag möchte ich jedoch etwas tiefer gehen: „Wer bist du wirklich?“

Viele Menschen kennen sich vor allem durch das, was sie tun und durch die Rollen, die sie ausfüllen. Du bist Partner, Elternteil, Kollege, Freund, Begleiter, Unternehmer, derjenige, der alles regelt, derjenige, der stark bleibt, derjenige, der den Überblick behält. Diese Rollen sind wertvoll. Sie zeigen Verantwortung, Fürsorge und Engagement. Sie helfen dir, dein Leben zu organisieren und dich in der Welt zu bewegen. Und doch spürst du manchmal, vielleicht vor allem im Winter, dass unter diesen Schichten noch etwas anderes lebt, etwas, das älter ist als jede Rolle und das nicht verschwindet, wenn sich dein Leben verändert.

Dein Bewusstsein, das immer da ist

Aus tantrischer Sicht geht es genau darum: um die Schicht in dir, die immer da ist. Tantra verweist auf eine stille, klare Präsenz, die deine Erfahrung trägt. Deine Gedanken bewegen sich, deine Gefühle bewegen sich, dein Körper verändert sich, deine Tage sind immer anders gefärbt. Und gleichzeitig gibt es in dir etwas, das all dies wahrnehmen kann. Du merkst das, wenn du plötzlich feststellst, dass du angespannt bist, oder wenn du spürst, dass du bewegt bist, oder wenn du bemerkst, dass du innerlich unruhig wirst.

Allein diese Wahrnehmung zeigt, dass es ein Bewusstsein gibt, das beobachtet. Man könnte es einen inneren Zeugen nennen, einen Raum in dir, der nicht drängen oder ziehen muss, um präsent zu sein. Der Winter hilft, diesen Raum schneller zu erkennen, weil die Welt draußen von selbst ruhiger wird. Manche Menschen nehmen sich im Winter öfter Zeit zum Meditieren oder besinnen sich während der Rauhnächte. 

Wenn das Tempo nachlässt, kommt oft eine Einfachheit zum Vorschein. Du spürst deutlicher, was du brauchst. Du merkst schneller, wenn du deine Grenzen überschreitest. Manchmal hörst du auch die subtilen Fragen, die in geschäftigeren Jahreszeiten unter der Oberfläche bleiben. Was ist für mich wesentlich? Was bleibt übrig, wenn ich mich nicht ständig über Leistungen, Pläne und Erwartungen definiere? Wonach suche ich eigentlich?

Tantrische Essenz, das Ego im Tantra, im Winter und Shiva-Bewusstsein

Das Ego ist wie ein Mantel, der dir hilft, dich in einer komplexen Welt zurechtzufinden. Das Problem entsteht, wenn du vergisst, dass du diesen Mantel trägst. Dann fühlt sich der Mantel an, als wäre er deine ganze Identität.

Tantra und das Ego

Tantra spricht in diesem Zusammenhang von einer Erinnerung. Es ist die Erinnerung an dein eigenes Wesen, an den lebendigen Kern in dir, den du dir nicht verdienen musst. In der Tradition wird auch erwähnt, dass Menschen diesen Kern leicht vergessen, wenn ihre Aufmerksamkeit vor allem nach außen gerichtet ist. Das Leben verlangt viel, die Welt ist laut, der kulturelle Reflex ist oft: noch etwas hinzufügen, noch etwas verbessern, noch etwas beweisen. In dieser Bewegung kann ein Schleier entstehen, durch den du dich getrennt fühlst. Du erlebst dich selbst als jemanden, der gegenüber einer Welt funktionieren muss, die beurteilt, vergleicht und Erwartungen hat. Aus diesem Gefühl heraus wächst ein starkes Ich-Gefühl, das dir hilft, dich zurechtzufinden. Dieses Ich-Gefühl ist ein Hilfsmittel. Es organisiert dein Leben, schützt deine Grenzen und sorgt dafür, dass du Entscheidungen treffen kannst. In der modernen Psychologie nennen wir das das Ego.

Ich finde das Bild eines Wintermantels hier sehr hilfreich. Im Winter ziehst du einen Mantel an, weil es kalt ist. Das ist klug. Es ist Fürsorge. Es ist Schutz. So funktioniert auch das Ego. Es ist ein Mantel, der dir hilft, dich in einer komplexen Welt zurechtzufinden. Es gibt Struktur, es will Sicherheit, es sucht Bestätigung, es schützt deine Verletzlichkeit. Das Problem entsteht, wenn du vergisst, dass du diesen Mantel trägst. Dann fühlt sich der Mantel an, als wäre er deine ganze Identität. Und was darunter lebt, die sanfte Menschlichkeit, die offene Präsenz, die tiefe Lebendigkeit, tritt weniger in den Vordergrund.

Sei — versuche nicht zu werden. – Osho

In der tantrischen Philosophie werden drei Bewegungen genannt, die diesen Wintermantel dicker machen können. Das sind erkennbare Muster im menschlichen System. Die erste Bewegung ist Anziehung und Identifikation. Du kennst das vielleicht als das Gefühl, dass etwas dich mehr zu „dir” machen muss: ein Status, ein Titel, ein bestimmtes Image, ein Kauf, ein Erfolg, eine Idee, eine Überzeugung. Das kann alles für sich genommen schön sein. Es wird schwer, wenn du Wert darauf legst. Dann hast du für einen Moment das Gefühl, dass du existierst, dass du gesehen wirst, dass du wichtig bist, und dann beginnt die Suche von vorne.

Die zweite Bewegung ist Abwehr. Du machst dich sicherer, indem du dich gegen etwas oder jemanden abgrenzt. Das zeigt sich in schnellen Urteilen, in Sarkasmus, in Irritation, im Reflex, dich auf der richtigen Seite zu positionieren, und in einer extremen Form auch als Rassismus. Grenzen zu haben ist gesund. Abwehr wird hart, wenn sie das Herz verschließt und die Welt kleiner macht. Dann fühlt sich Verbundenheit kompliziert an, weil dein Mantel eher wie eine Rüstung wirkt.

Die dritte Bewegung ist das Festhalten an Sicherheit. Du willst Kontrolle, Vorhersehbarkeit, Garantien. Du merkst es, wenn dein System bei Veränderungen alarmiert ist, wenn dein Kopf Szenarien entwirft, wenn du plötzlich ein großes Bedürfnis nach Bestätigung hast, wenn dein Terminkalender voll ist, weil Leere sich unsicher anfühlt.

Hinter diesem Reflex steckt oft etwas sehr Menschliches: die Angst zu verlieren, die Angst, ausgeschlossen zu werden, die Angst, nicht mehr getragen zu werden. Und darunter liegt manchmal die große Schicht, die jeder kennt, so unterschiedlich auch immer: die Erkenntnis, dass alles endlich ist. Der Winter kann diese Schichten sichtbarer machen. Mehr Zeit drinnen, mehr Stille, mehr Raum im Kopf können zu mehr Grübeln führen. 

„Ich bin hier“

Gleichzeitig kann der Winter auch etwas anderes bringen: eine Erinnerung an Rhythmus. Die Natur hält den Sommer nicht fest. Sie bewegt sich. Sie lässt los. Sie zieht sich zurück. Und in diesem Zurückziehen sammelt sie Kraft. Wenn du das in deinem eigenen Leben erkennst, kommt oft mehr Vertrauen. Du musst dich nicht ständig anstrengen. Du darfst dich mit der Jahreszeit bewegen.

Du bist nicht verloren, du bist hier

Es gibt einen Satz, den ich gerne als Reisebegleiter mitgebe, weil er nichts Kompliziertes verlangt und doch viel eröffnet. Es ist ein Satz, den du auf dich wirken lassen kannst, während du unterwegs bist, während du Tee trinkst, während du auf den Zug wartest. Dieser Satz lautet: Ich bin hier. Du kannst ihn wie eine einfache Wahrheit fühlen. Ich bin hier, in diesem Körper, in diesem Atemzug, in diesem Moment.

Wenn du das wirklich zulässt, merkst du vielleicht, dass dein Dasein nicht erst besser werden muss, um wertvoll zu sein. Du merkst, dass du nicht erst etwas erreichen musst, um Liebe wert zu sein. Du merkst, dass du bereits von etwas in dir getragen wirst, das größer ist als deine Gedanken und deine Rollen. In tantrischer Sprache kann man das das tragende Bewusstsein nennen. In der Alltagssprache ist es dein innerer Raum, deine Präsenz, dein Zuhause in dir selbst.

Vielleicht ist das letztendlich die Einladung des Winters. Du musst deinen Mantel nicht ausziehen, du darfst ihn dankbar tragen. Und gleichzeitig darfst du ab und zu spüren, wer unter diesem Mantel lebt. Du darfst dich daran erinnern, dass es in dir etwas Sanftes gibt, das nicht gemacht werden muss. Etwas, das schon da ist. Etwas, das einfach sagt: Ich bin hier.


Jahreszyklus – Die Jahreszeiten des Seins

Mehr im Kama Tantra Podcast

Möchtest du mehr darüber erfahren? In dieser Folge des Kama Tantra Podcasts gehe ich näher auf dieses Thema ein, mit mehr Bezug zur tantrischen Tradition und mehr praktischen Beispielen aus unserem heutigen Leben.